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//Zeit für Entscheidungen: Ingo Radermacher

Besser entscheiden,
wann wir entscheiden

Die Qualität von einfachen Einzelentscheidungen zu überprüfen, ist an sich schon ein schwieriges Unterfangen. Doch: Wie kann denn die Qualität von verketteten Entscheidungen in komplexen Situationen – und am besten noch in Real-Life-Szenarien – bestimmt werden? Eine Fragestellung, die mit Blick auf Entscheidungen in Unternehmen in unserer heutigen digital geprägten komplexen Welt brandaktuell ist. Argentinische Wissenschaftler, die auf dem Gebiet der Neurowissenschaften und Chronobiologie forschen, haben hierzu auf einen klassischen Ansatz zurückgegriffen, indem sie das Entscheidungsverhalten von Schachspielern untersucht haben. Doch der Versuchsaufbau ist ebenso wie die daraus gewonnene Erkenntnis »neuartig«.

Das Forscherteam um Dr. Maria Juliana Leone (Biotechnologie) und Dr. Diego Fernández Slezak (Informatik) hat nämlich die Entscheidungsfindung von Schachspielern auf einer Internet-Plattform untersucht. Die auf den Servern gespeicherten »Zug-Daten« wurden als Grundlage für ihre Studie genutzt.

Schachspiele sind zunächst einmal eine unerschöpfliche Fundgrube menschlicher Entscheidungsfindung. Jeder Spieler muss im Verlauf einer durchschnittlichen Partie etwa 40 Entscheidungen treffen. Diese Entscheidungen müssen darüber hinaus innerhalb eines messbaren Zeitraums getroffen werden und ihre Qualität kann ebenso wie die aufgewendete Zeit rückblickend bestimmt wie auch bewertet werden.

Der Faktor Zeit

Statt die Entscheidungsdauer und ihre retrospektiv ermittelte Qualität in den Blick zu nehmen, haben Leone und Slezak einen anderen Fokus gewählt: Sie haben die Uhrzeit der jeweiligen (Schach-)Entscheidung betrachtet. Wendet man den Blick zunächst einmal vom Schachspiel weg auf Unternehmen und dort gefällte Entscheidungen, so stellt sich die Frage: Zu welchem Zeitpunkt fallen wichtige Entscheidungen? Entscheiden Entscheider, wann Sie etwas entscheiden? Wohl kaum. Viele Entscheidungen werden in Meetings getroffen, deren inhaltliche Tragweite oftmals im selben Maße zunimmt, wie die Tageszeit, zu der diese Zusammenkünfte stattfinden. Nun kommen die Untersuchungen von Leone und Slezak ins Spiel. Diese legen nahe, dass der Frage nach der Uhrzeit, zu der eine Entscheidung getroffen wird, tatsächlich eine Bedeutung zukommt. Denn: Die Qualität von Entscheidungen kann offensichtlich von der Tageszeit abhängen.

Diese Erkenntnis klingt möglicherweise fürs Erste vertraut. Denn menschliches Verhalten unterliegt ebenso wie menschliches Leistungsvermögen zeitlichen Schwankungen. Eine Gewissheit, die vermutlich jeder aus dem eigenen Erleben bestätigen kann. Der Rhythmus wird dabei sowohl vom Tageslicht als auch von gesellschaftlichen Gepflogenheiten beeinflusst. Indes zeigt sich über diese grundsätzliche Erkenntnis hinaus jedoch ein deutlicher Unterschied im Direktvergleich der Leistungsfähigkeit zweier Individuen. Aus dieser Feststellung entstammt die traditionelle Klassifizierung in so genannte Chronotypen. Danach werden tageszeitabhängig die frühen »Lerchen« und späten »Eulen« unterschieden.

Prävention versus Leistung

Interessanterweise ergab nun die Auswertung von 184 Spielern auf dem Free Internet Chess Server aber eine Gemeinsamkeit von »Lerchen« und »Eulen«. Denn: Die besten Entscheidungen in komplexen Situationen trafen in beiden Gruppen diejenigen, die zwischen 8 und 13 Uhr spielten. Die Entscheidungen in diesem Zeitabschnitt wurden präziser getroffen und zeigten retrospektiv bessere Resultate – nahmen jedoch vergleichsweise viel Zeit in Anspruch. Die Entscheidungen, die später am Tag getroffen wurden, waren weniger präzise und erfolgreich als die morgendlichen Entscheidungen. Allerdings wurden sie schneller getroffen. Beide Variablen – Entscheidungsqualität und Dauer der Entscheidungsfindung – kompensierten sich in gewisser Hinsicht gegenseitig, so die Schlussfolgerung. Oder wie es Dr. Maria Juliana Leone zusammenfasst: Spieler, die morgens spielten, folgten einer auf Prävention ausgerichteten Entscheidungspolitik. Spieler, die abends spielten, verfolgten mit schnellen, aber ungenauen Entscheidungen eine leistungsorientierte Entscheidungspolitik.

Chronotype doesn’t matter. Really?

Was lässt sich demnach aus den Untersuchungen von Leone und Slezak für die Entscheidungsfindung in Unternehmen schlussfolgern? Es ist nicht entscheidend, ob ein Entscheider als »Lerche« oder »Eule« eingeordnet werden kann. Für beide Gruppen gilt: Besonders wichtige Entscheidungen in komplexen Situationen und mit weitreichenden Folgen sollten am Vormittag angegangen werden. Entscheidungen, die eher intuitiv gefällt werden können – weil Resultate schnell benötigt werden und gegebenenfalls iterative Korrekturen möglich sind – können auf den Nachmittag oder Abend verschoben werden.

Übrigens: Auch wenn »Eulen« chronotyptypisch später mit dem Schachspielen begannen als »Lerchen« und eben diese »Lerchen« in ihren präzisen Entscheidungen früher nachließen als »Eulen« (weil sie früher begonnen hatten und daher auch früher ermüdeten) kamen beide Vergleichsgruppen letztlich auf dieselbe Anzahl von Schachspielen und auf eine nahezu identische Erfolgsquote.

Quelle zur Studie: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0010027716302414

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Bild: Adobe Stock

2017-10-14T01:02:29+00:00

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