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Digitalisierung und Philosophie: Eine “diskursive Prüfung”

Diagramme Wirtschaft Digitalisierung Ethik

Warum “Digitalisierung und Philosophie”? Beweist die heutige Wirtschaft nicht gerade, dass man losgelöst von jeder Philosophie und mithin von ethischen Grundsätzen erfolgreicher ist? Mehr Geld verdient? Mehr Steuern spart? Entspannter lebt?

Auch wenn dies stimmen mag: Entscheidungen zu treffen, ist in der digitalisierten Welt nicht einfacher geworden und nicht ökonomische Vorteile präsentieren letztlich den besten Weg – auf lange Sicht. Wer meint Technologien und Algorithmen enthielten keine philosophisch-ethischen Implikationen, der irrt. Wer Technologien die Entscheidung über unser Leben und Zusammenleben überlässt, begeht möglicherweise große Fehler: Eine “diskursive Prüfung” ist fällig!

 

Digitalisierung und Ethik: Unsere Wirtschaft – Unsere Werte

Auszug aus dem Buch über Digitalisierung:

Die Digitalisierung ist für jeden Handelnden wie für jedes Unternehmen ein mehr oder weniger turbulentes Gewässer. Woran kann man sich orientieren? Woran halten? Und das nicht nur ad hoc, sondern auch (über)morgen. Was taugt als handlungsleitendes Prinzip? Gibt es so etwas überhaupt? Kann überhaupt Orientierung gegeben werden – oder bestimmt einzig der Zufall , wer in den nächsten Jahren als Profiteur oder als Verlierer aus den Entwicklungen hervorgeht. Haben wir überhaupt einen Gestaltungsspielraum?

 

Buch Digitalisierung selbst denkenDas Buch “Digitalisierung selbst denken” tut etwas, was im Gros der Digitalisierungsdebatte zu kurz kommt: Es stellt den Mensch und das menschliche Handeln in den Mittelpunkt. Die logische Konsequenz ist: Eine intensive Beschäftigung mit der Ethik der Digitalisierung, die Einbindung der aktuellen Debatte in den großen Zusammenhang von Digitalisierung und Philosophie.

Hilfreich ist dabei ein Blick in die Vergangenheit: Unsere kapitalistische Grundordnung basiert u.a. auf der Arbeitsethik des Frühkapitalismus. Diese ist wiederum eng verknüpft mit einer spezifisch protestantischen Geisteshaltung. Bezugnehmend auf das Theorem Max Webers lässt sich nachvollziehen wie diese Ethik, die Arbeit als etwas Sinnstiftendes, sogar Gottgewolltes begreift, zu unserem gegenwärtigen wirtschaftlichen Wohlstand führte. Allen Widrigkeiten wie Kriegen oder Finanzkrisen zum Trotz. Diese “Ethik des Gebens” lebt in Teilen der Wirtschaft weiter: Beispielsweise als unternehmerisches Verantwortungsgefühl in sozialer, ökonomischer und betrieblicher Hinsicht den Mitarbeitern und Geschäftspartnern gegenüber.

Marthin Luther

Marthin Luther

Was aber, wenn der Verlust der Arbeit für den Einzelnen nicht mehr Hunger und Existenzbedrohung bedeuten wie zu Zeiten des frühen Kapitalismus? Dann erringt Arbeit einen neuen Stellenwert und wird zu einem prägenden Bestandteil der eigenen Identität. Wer unternehmerische Verantwortung besitzt, erlebt diese nun nicht mehr in existentieller sozialer und ökonomischer Hinsicht, sondern als Verantwortung gegenüber Menschen, die sehr zu ihrem Eigenwohl arbeiten – die “Ethik des Gebens” verändert sich auf diese Weise grundlegend.

Wer über Entscheidungsgewalt im Unternehmen verfügt, tut (dennoch) gut daran, sein Handeln unter die Grundsätze einer Ethik zu stellen: Dies schafft ein Fundament für kluge Entscheidungsfindung, die nicht nur die Herausforderungen der Digitalisierung meistern wird, sondern auch Orientierung und Gestaltungsspielraum schafft. Und ganz nebenbei ein Wirtschaften ermöglicht, das weiterhin Verantwortung übernimmt.

 

Max Weber

Max Weber

Max Weber begründet seine Theorie, seine “Ethik des Gebens” mit Zitaten von Martin Luther, wie folgt:

„… der Einzelne soll grundsätzlich in dem Beruf und Stand bleiben, in den ihn Gott einmal gestellt hat, und sein irdisches Streben in den Schranken dieser seiner gegebenen Lebensstellung halten.“ (Max Weber: Calvinismus und Kapitalismus, 1904/05, Bd. 1, S. 71, Vorwort des Hrsg.)

 

Und in Max Webers Worten:

“Jener eigentümliche, uns heute so geläufige und in Wahrheit doch so wenig selbstverständliche Gedanke der Berufspflicht, einer Verpflichtung, die der einzelne empfinden soll und empfindet gegenüber dem Inhalt seiner “beruflichen” Tätigkeit, gleichviel worin sie besteht, gleichviel insbesondere ob sie dem unbefangenen Empfinden als reine Verwertung seiner Arbeitskraft oder gar nur seines Sachgüterbesitzes (als “Kapital”) erscheinen muss – dieser Gedanke ist es, welcher der “Sozialethik” der kapitalistischen Kultur charakteristisch ist” […] “Die Fähigkeit […], sich der Arbeit gegenüber verpflichtet zu fühlen, finden sich hier besonders oft vereinigt mit strenger Wirtschaftlichkeit, die mit dem Verdienst und seiner Höhe überhaupt rechnet und mit einer nüchternen Selbstbeherrschung und Mäßigkeit, welche die Leistungsfähigkeit ungemein steigert. Der Boden für jene Auffassung der Arbeit als Selbstzweck, als “Beruf“, wie sie der Kapitalismus fordert, ist hier [im Protestantismus – Anm. d. Verf.] am günstigsten” (Max Weber: Die protestantische Ethik und der “Geist” des Kapitalismus, 1904/05).

Handlungsmaximen und Digitalisierung: Historischer Kontext der Philosophie

Immanuel Kant

Immanuel Kant

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ (Immanuel Kant)

Das Buch “Digitalisierung selbst denken” präsentiert und erläutert die sogenannten “Maximen”: Handlungsmaximen, mit denen die “digitale Transformation gelingt”**. Der Begriff der “Maxime” erinnert nicht ohne Grund an den “Kategorischen Imperativ” von Immanuel Kant – einen der wichtigsten Lehrsätze der praktischen Philosophie. Wie kann der Gedanke des ethischen, also letztlich moralischen Handelns in allgemeingültiger Form auf eine Philosophie der Digitalisierung übertragen werden? Mit einem Augenzwinkern? Ja. Als ernsthafte Empfehlung für Unternehmer und Entscheider, die mit dem digitalen Wandel konfrontiert sind? Auf jeden Fall.

Handlungsmaximen als “Handlungsempfehlung” können in diesem Sinne einen wirklichen praktischen Wert für Wirtschaftsunternehmen haben und finden ihre Parallelen zu Kant, indem gilt, dass:

  • unmoralische Handlungen an einer inneren Widersprüchlichkeit kranken (und sie demnach als gesunde Basis für wirtschaftlichen und vor allem nachhaltigen Erfolg nicht taugen können)
  • eine Maxime einen konkreten Zweck erfüllt und dann “verboten” ist, wenn sie “in einer Welt, in der die Maxime allgemein befolgt würde, ihren Zweck nicht mehr erfüllen würde”

Dennoch bilden die Maximen in “Digitalisierung selbst denken” keinen Imperativ – und schon gar keinen kategorischen. Denn Kant berücksichtigt eine Form der “Nötigung” des Menschen durch seinen “Imperativ”, da die sinnlichen und emotionalen Neigungen des Menschen teilweise im Widerspruch zu den vernunftgeprägten Maximen stünden: Es besteht demnach bei Kant eine Diskrepanz zwischen dem “subjektiven Wollen” und dem “objektiven Vernunftgesetz”.

Jürgen Habermas

Jürgen Habermas: Fotografie von Wolfram Huke 2007

In diesem Sinne knüpfen die ‘Maximen der Digitalisierung’ eher an Jürgen Habermas an, der sich wiederum auf Kant bezogen hat. Denn:

„Der kategorische Imperativ bedarf einer Umformulierung in dem vorgeschlagenen Sinne: Statt allen anderen eine Maxime von der ich will, dass sie allgemeines Gesetz sei, als gültig vorzuschreiben, muss ich meine Maxime zum Zweck der diskursiven Prüfung ihres Universalitätsanspruchs allen anderen vorlegen. Das Gewicht verschiebt sich von dem, was jeder (einzelne) ohne Widerspruch als allgemeines Gesetz wollen kann, auf das, was alle in Übereinstimmung als universale Norm anerkennen wollen.“ (Jürgen Habermas: Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln, 1983)

Indem das Buch “Digitalisierung selbst denken” den “Diskurs” um die Ethik der Digitalisierung beschreitet und zum “Weiterdenken” einlädt, nimmt es den habermasschen Platz eines “praktischen und herrschaftsfreien Diskurses”* ein. Um sich in einer Art „kooperativen Wahrheitssuche“* von „freien und gleichen Teilnehmern“*, bei der allein der „Zwang des besseren Arguments zum Zuge kommen darf“*, zu bewegen. Im Gegensatz zum kategorischen Imperativ werden durch die Diskursivität keine “Normen” erzeugt, sondern ein “Verfahren” angewendet “zur Prüfung der Gültigkeit vorgeschlagener und hypothetisch erwogener Normen.“* Damit endet der “Monolog” des Buches und lädt ein zum “Dialog”…”Unilog”: Bitte kommen Sie mit! Denken Sie weiter!

 

* Zitate aus Jürgen Habermas: Diskursethik – Notizen zu einem Begründungsprogramm. 1983

** Ungekennzeichnete Zitate aus Digitalisierung selbst denken, Ingo Radermacher, 2017

Technologien und Algorithmen basieren auf ethischen Entscheidungen

Unsere Gesellschaft lebt im Zeitalter der Maschinen, mehr noch im Zeitalter der “Megamaschine”: Einer global eng vernetzten und verzahnten Industrie, die sogar uns selbst in den Dienst nimmt. Wenn wir Service “gratis” erhalten, jedoch mit der Freigabe unserer Daten “bezahlen”, dann sind wir nicht länger “Kunden”, sondern Rädchen im Getriebe. Bei Facebook sind konsequenterweise diejenigen “Kunden”, die kostenpflichtige Anzeigen schalten – nicht die Nutzer, die sich Persönlichkeitsprofile anlegen. Wir Menschen generieren dabei “Big Data” wie Generatoren den Strom.

Ein anderes Beispiel für die Vereinigung von Mensch und digitaler Technologie gibt uns der Suchmaschinenkonzern Google – und impliziert dadurch, dass Digitalisierung und Ethik, also schlussendlich Digitalisierung und Philosophie zwingend zusammen gehören sollten. Der Algorithmus, auf dem die googlesche Suchfunktion im Internet basiert, enthält ethische Entscheidungen: Indem beispielsweise Marken mit “Branding” bevorzugt werden oder Aktualität belohnt wird.

Einige Zeitgenossen behaupten, dass Technik und Technologien an sich weder “gut” noch “böse” seien, sondern vielmehr “ethisch neutral”. Darum sei es auch unproblematisch, wenn sie mit Werten wie Demokratie oder Menschenrechten verbunden sind. Dies anzunehmen, greift zu kurz – und könnte sogar gefährlich werden.

 

Künstliche Intelligenz: Welche Philosophie bestimmt ihr digitales Handeln?

Isaac Asimov

Isaac Asimov

Welcher Ethik folgen Roboter oder selbstlernende Maschinen? Welche Philosophie steht hinter dem Code ihrer Programmierungen? Wie können wir sicherstellen, dass wir ihnen weitreichende Entscheidungen überlassen können?

Wie soll ein autonom fahrendes Fahrzeug verfahren, wenn es in eine brenzlige Situation gerät? Wenn es die moralische Entscheidung darüber fällen muss, ob es eher unbeteiligte Verkehrsteilnehmer oder die eigenen Insassen schützen sollte?

Der technische Fortschritt zwingt uns, über “Digitalisierung und Ethik”, genauso wie über “Digitalisierung und Philosophie” nachzudenken. Wir kennen kluge Vordenker, die sich schon mit der Ethik von Maschinen beschäftigt haben, als diese in ihrer Entwicklung noch vergleichsweise primitiv waren – und sicher nicht für komplexe Entscheidungen taugten. Ein grandioses Beispiel und Inspiration bietet uns Isaac Asimov und seine Robotergesetze aus dem Jahr 1942:

  1. Ein Roboter darf einem menschlichen Wesen keinen Schaden zufügen oder durch Untätigkeit zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.
  2. Ein Roboter muss den Befehlen gehorchen, die ihm von Menschen erteilt werden, es sei denn, dies würde gegen das erste Gebot verstoßen.
  3. Ein Roboter muss seine eigene Existenz schützen, solange solch ein Schutz nicht gegen das erste oder zweite Gebot verstößt.

Später folgte das das “Nullte Gesetz”, das Asimov allen anderen Gesetzen voran stellte:

Ein Roboter darf der Menschheit keinen Schaden zufügen oder durch Untätigkeit zulassen, dass der Menschheit Schaden zugefügt wird.

Aufklärung: ein erster Schritt (denken Sie nur an die digitalen Upload-Filter). Fakten analysieren: Unbedingt. Digitale Probleme mit Big Data lösen: Bedingt gut.

In diesem Sinne: Lassen Sie uns unsere Realität und Moral weiterdenken – und haben wir den Mut voran zu denken, statt Entwicklungen abzuwarten. Erobern wir uns geistige Freiheit und messen wir die Idee von Asimov an Kant – wenn es uns fruchtbar erscheint.

 

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