Von der modernen Redekunst –
ein Keynote-Speaker als Impulsgeber

Wenn Plato die Redekunst als ein »Gewinnen des menschlichen Geistes durch das Wort« beschreibt, dann hat sich daran bis heute im Kern nichts geändert. Doch Rhetorik ist zu weit mehr imstande: Als Keynote-Speaker versteht Ingo Radermacher die freie Rede als impulsgebend, als Inspiration und Denkanstoß zugleich. Redekunst soll allerdings nicht nur während des Vortrags fesseln, sondern nachhaltig zum Selbst-Denken anstiften – zumindest aus seiner Sicht. Doch was überzeugt – angesichts einer Omnipräsenz von Informationen im Zeitalter des digitalen Wandels – den Geist der Gegenwart und inspiriert zum Weiterdenken? Wie kann ein Redner sein Publikum trotz einer scheinbar immer kürzer werdender Aufmerksamkeitsspanne überhaupt noch begeistern? Und: welche Verantwortung trägt er überhaupt als Person? – Kurz: Können die aus der Antike stammenden Sprechkunst-Systematiken überhaupt noch auf das angewendet werden, was wir heutzutage Rede-Kommunikation nennen?

Was zeichnet einen »Keynote Redekünstler« aus?

Der Rhetorik bzw. der Kunst des schönen Redens wird Unrecht getan, wenn man sie ausschließlich auf das Äußere reduziert. Darauf, dass sich ein Redekünstler besonders eloquent und redegewandt als »Wortfeinschmecker« präsentiert. Sicherlich, die Form einer Rede und ihre Verpackung, in der sie daherkommt, sind wesentliche Faktoren der rhetorischen Redegewandtheit. Aber alle Verpackung hilft nicht und springt auch nicht als Funke auf die Zuhörer über, wenn nicht mindestens genauso eine Message oder Idee durchschimmert, die es wert ist, beredet oder durchdacht zu werden.

Redekunst - ein Licht geht auf

Rhetorisches Handwerk in der Theorie

Um als Redekünstler zu brillieren braucht es wenigstens das Bewusstsein für das, was Rhetorik bedeutet und bewirken soll. Denn wenn Rhetorik die Kunst der Rede ist, und wenn Reden, wie Heinrich von Kleist es ausdrückte, wahrhaft lautes Denken ist, dann ist Rhetorik schließlich die Kunst des Denkens.

Geschichte der Rhetorik – ein Ausschnitt

Ursprünglich stammt die Systematik für die Kunst der öffentlichen Rede aus dem sprichwörtlich »antiken Griechenland«. Hier spielte diese Geisteswissenschaft gerade im Kontext politischer und rechtlicher Entscheidungen vor Gericht eine bedeutende Rolle: Wer zu seinem Recht kommen wollte, musste sein Anliegen vor Gericht persönlich vortragen – und darin überzeugen können. Bereits in Platons Werk der »Gorgias« findet sich eine Auseinandersetzung mit der Rhetorik. Es war jedoch Aristoteles, der eine erste systematische Abhandlung mit seiner »Rhetorik« verfasste. Er beschreibt die Redekunst hier als Gegenstück zur Dialektik, der Kunst zur Gesprächsführung. So definiert er sie als »Fähigkeit, bei jeder Sache das möglicherweise Überzeugende zu betrachten«, die auf den drei Säulen Ethos (Glaubwürdigkeit des Redners), Pathos (emotionaler Zustand des Hörers) und Logos (dem Argument des Redners) ruht. Diese Theorie der Überzeugung etabliert sich später dann auch in der Schule Roms, wo die wichtigste lateinische Rhetorik (»De oratore«) von Cicero stammt.

System der Theorie des Überzeugens

Innerhalb des rhetorischen Systems lässt sich eine Rede gemäß klassischer Einteilung in vier gedankliche Abschnitte unterteilen:
  • Exordium / Prooemium
    Die Einleitung, in der der Redner versucht, das Wohlwollen des Auditoriums zu ergreifen und seine Aufmerksamkeit sicherzustellen.
  • Narratio
    Die Erzählung bzw. Schilderung des Sachverhaltes, um den es geht.
  • Argumentatio
    Beweisführung bzw. der eigentlich argumentierende Teil der Rede, in dem der Redner für die Glaubwürdigkeit seiner Sache argumentiert (confirmatio) oder das gegnerischen Argumente widerlegt (confutatio).
  • Epilogos / Conclusio
    Der Schluss, in welchem erneut an die Emotionen des Publikums appelliert werden kann – oder sollte.


Für eine systematische Vorgehensweise von der Idee bis hin zum fertigen Vortrag sind dabei dann fünf Produktionsstufen einer Rede zu durchlaufen:
  • 1. Inventio
    Auffinden der Argumente
  • 2. Dispositio
    Gliederung eines Vortrags
  • 3. Elocutio
    Einkleiden der Gedanken in Worte („Redeschmuck“) und anschließende sprachliche Gestaltung (Wortwahl, Grammatik, rhetorische Stilmittel, kommunikative Direktion, Satzbau, Pausen).
  • 4. Memoria
    Einprägen der Rede für den freien Vortrag
  • 5. Actio / Pronuntiatio
    öffentlicher Vortrag, bei dem stimmliche, mimische und gestische Mittel eingesetzt werden – sowohl verbal (Lautstärke, Tempo und Pausensetzung, Artikulation, Timbre, Prosodie) als auch nonverbal (Mimik; Gestik; Blick- bzw. Augenkontakt, Physiognomie, persönliche Präsenz, Körpersprache) kommuniziert wird.

Funktion und Wirkung einer Rede

Um eine gute Rede halten zu können, ist es Aufgabe eines Redekünstlers – hier: des Keynote-Speakers – sich vorab bewusst zu machen, welche Funktion diese erfüllen soll. Kontext und Zweck geben bestimmte Regeln vor und worauf der Fokus liegt. Zum Beispiel erfüllt eine politische Rede im Bundestag eine völlig andere Funktion als die Rede eines Keynote-Speakers bei einer unternehmensinternen Jahresauftakt-Veranstaltung. Ebenso unterscheidet sich die Ansprache des Vaters der Braut hoffentlich deutlich von einer Grabrede. Es lassen sich daher in der Redekunst drei Funktionen einer Rede unterscheiden:


  • docere = belehren (Wissensvermittlung)
  • delectare = gewinnen (Unterhaltung)
  • movere = bewegen (Überzeugung)

Doch trotz unterschiedlicher Funktionen einer Rede lässt sich heutzutage mit Blick auf die Ausführung unabhängig vom Kontext oder Anlass ein Aspekt besonders hervorheben, den Billy Wilder einmal für Filme hervorragend zusammengefasst hat und der sich ebenso auf jede Keynote wie auch jede andere Rede anwenden lässt: »Ich habe zehn Gebote. Die ersten neun lauten: Du sollst nicht langweilen!«.

Die Kunst unterhaltsamen Ideen-Erzählens

So sollte man Rhetorik trotz aller Handlungsanweisungen nicht als eine allgemeingültige Methode oder Lehre nach »Schema F« ansehen, die es schlichtweg zu beherrschen gilt (und die in jedem x-beliebigen Rhetorikkurs gelehrt und